
Thilo Sarrazin – geboren drei Monate vor Kriegsende in Gera als Sohn hugenottischer Einwanderer, vor Gründung der DDR in ein bayrisches Kinderheim verfrachtet, später Bundesbahner und Bundesbanker, Treuhänder, Finanzsenator, Sachbuchautor und Provokateur – ist ein Dummschwätzer. Seine Gegner sind es allerdings auch.
Jeder Lehrer in ihrem Bekanntenkreis wird ihnen bestätigen, dass die Bildung in islamischen Familien einen weniger hohen Stellenwert einnimmt als in, zum Beispiel, christlichen Familien. Moslemjungen sollen vor allem Führungsqualitäten und Durchsetzungsstärke erlernen und zu einem starken Familienoberhaupt heranwachsen. Moslemmädchen dagegen müssen das nicht und sind auch oft aufmerksame Schülerinnen. Und das obwohl sie neben den Hausaufgaben noch ihren Brüdern, den Prinzen, den Arsch hinterhertragen und nicht selten am Elternabend dolmetschen müssen. Selbstverständlich gilt die Bildung des Moslemmädchens auf lange Sicht nichts – eher früher als später beginnt der Ernst des Lebens als Gebärmaschiene und Boxsack.
Derartiges zu behaupten ist verallgemeinernd und gemein, polemisch und inhaltlich nicht belegbar. Und trotzdem ist es nicht grundsätzlich völliger Quatsch. Die letzten beiden Sätze beziehen sich auf den vorherigen Absatz, passen aber genauso gut zum kruden Buch von Thilo Sarrazin. Und beides hat nicht mehr Aufmerksamkeit verdient als diese beiden Sätze – wenn überhaupt. Warum aber ereifert sich die deutsche Öffentlichkeit so maßlos über dieses Buch? Und das seit Wochen, obwohl es doch erst seit gestern gelesen werden kann? Der Grund ist einfach. Der Begriff Islam ist in einem kritischen Kontext gefallen. Das ist der größte anzunehmende Unfall. In der nackten Panik vor den militanten Buchkritiken der Umma wurde deshalb schon vor Wochen der erste Stein geworfen, nach dem Motto: wenn wir die Hexe aus dem Land treiben, werden die Götter uns gnädig bleiben. Appeasement at it’s best.
Doch dabei ist es nicht geblieben. Auch als der Zorn der Kinder Allahs ausblieb – keine brennenden Fahnen, keine gestürmten Botschaften, kein Dolch in Sarrazins Brust – geht doch weiter Woge über Woge der christlichen Entrüstung über Thilos Kopf hernieder. Was ist passiert? Warum soll er aus der SPD geworfen werden, warum droht sein Arbeitgeber ihm mit der Kündigung, warum muss er Lesungen aus Angst vor Gewalt absagen? Und vor allem: Womit hat er sich das Privileg verdient, von Renate Künast als “schäbiger Mensch” bezeichnet zu werden? Nun, beim Begriff Islam ist es nicht geblieben. Zwei weitere Begriffe kamen hinzu, und die waren tödlich. Der Eine ist “Gen”, der andere “Jude”. Laut Sarrazin teilen Juden ein oder mehrere Gene. Ob Juden mit Juden tatsächlich mehr Gene teilen als mit anderen sei vorerst dahingestellt (es scheint ja einige zu geben die sich auf diese Debatte ernsthaft einlassen wollen) – Sarrazin geht es um etwas anderes. Ihm zufolge gilt das selbe nämlich für die Klugen und für die Dummen. Was er eigentlich sagen will: Dumme Deutsche vermehren sich mehr als kluge Deutsche, deshalb wird Deutschland immer dümmer. Und weil überhaupt von allen Deutschen immer weniger da sind, gibt es Deutschland bald gar nicht mehr. Anstatt an dieser Stelle elegant mit einem “Na Und?!” zum Schluss zu kommen, fordert Sarrazin eine üppige Gebärprämie für kluge Deutsche. Von Sterilisation der dummen Deutschen ist allerdings noch keine Rede. Sarrazin ist nämlich kein gefährlicher Demagoge, sondern nur ein belangloser Dummschwätzer.

Traurig ist, dass es für einen halbwegs akzeptablen, auf wesentlich bessere und fundiertere Wortmeldungen verweisenden Beitrag zum Diskurs gereicht hätte, wäre er bei seinem halbgaren Versuch über den Integrationswillen unter islamischen Immigranten der dritten Generation geblieben. Mit seinem Abtauchen in die Abgründe der Erbforschung aber – was von seinen Kritikern jetzt natürlich mit Begeisterung in einen Topf mit seiner Kritik am Islam geworfen wird um Sarrazin so doch noch zum Rassist zu machen – hat er sich endgültig disqualifiziert. Auch ein Kommentator, der zwar absolut gar keine Ahnung von der Materie hat über die er schreibt, aber immerhin als erfahrene Person des öffentlichen Lebens angehört werden sollte, ist Sarrazin nun nicht mehr.
Wesentlich beunruhigender als Sarrazin mit seinem Buch ist der Zustand des deutschen Diskurses und seiner Protagonisten. Den eigentlichen – wenn auch unbeachteten – Skandal lieferte Frau Merkel, die sich erdreistete in ihrer Rolle als Bundeskanzlerin Sarrazins Buch mit dem Prädikat “nicht hilfreich” auszuzeichnen. Wenn Sarrazin pfiffig ist, tauscht er seinen bisherigen Klappentext gegen Merkels Zitat. Die geschmacklosen Anfeindungen von Renate Künast oder das unvermeidliche Halbwissen von Claudia Roth sowie die Ergüsse der antirassistischen, sozialwissenschaftlichen Multikultibagage (abgesehen von Necla Kelek) waren natürlich zu erwarten, wie sich aber von den Intellektuellen (abgesehen von Broder und Giordano) bis hin zu CDU-Hinterbänklern am einen Ende und Antifas am anderen Ende das komplette deutsche Spektrum der Wortmelder an der Hexenjagt beteiligt – und das meist ohne inhaltlichen Bezug und wenn, dann mit falschem – ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Sarrazin hat offenbar gleich drei absolute Tabus gebrochen (Kritik an den Moslems, Bejahung der Theorie das sich Charakter oder Intelligenz vererben können und die Behauptung das Nichtakademiker dumm seien). Das heutzutage überhaupt noch ein einziges Tabu besteht ist die eigentliche neue Erkenntnis aus dem Fall des Thilo Sarrazin.
*Die Bilder zeigen Jim Carrey als Dummschwätzer im gleichnamigen Film.



